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„Heilige Mauern, scheinheilige Grenzen: Warum ich als Traurednerin aus der Kirche ausgetreten bin.“

11. Okt.
6 Min. Lesezeit

Es gibt Anrufe, die einen ganzen Abend auf den Kopf stellen. Dieser kam an einem Dienstag, wenige Tage vor der Hochzeit als mein Handy klingelte und ich den Namen meiner Braut auf dem Display sah. Ich war noch völlig entspannt, weil eigentlich alles längst geregelt war, bis ich ihre aufgelöste Stimme hörte und diesen einen Satz, den ich so schnell nicht vergessen werde. „Nicky, wir dürfen die Trauung nicht machen.“


Mir blieb kurz die Luft weg. Am Samstag sollte geheiratet werden, die Vorbereitungen waren abgeschlossen und plötzlich sollte unsere freie Trauung nicht stattfinden dürfen? Ich dachte wirklich, das sei ein schlechter Witz, aber meiner Braut war ganz offensichtlich nicht nach Witzen zumute.


freie Traurednerin Nicky von Trau-Geflüster beim dekorieren einer freien Trauung auf der Wiese in der Nähe vom Kloster Heiligenkreuztal.

Eigentlich fehlte nur noch der Samstag


Die beiden hatten mich lange vor ihrer Hochzeit als Traurednerin für ihre freie Trauung gebucht, wir hatten alle Vorbereitungen getroffen und unser Detailgespräch längst geführt. Natürlich war auch die Rede bereits geschrieben und frei gelernt, ganze neun Seiten, die ich auf mein Brautpaar und den geplanten Ort abgestimmt hatte. Geheiratet werden sollte im Kräutergarten des Klosters Heiligkreuztal, weil die beiden gerne kochten, Kräuter sammelten und sich mit alten Traditionen verbunden fühlten. Dieser Garten war also nicht einfach irgendeine hübsche Kulisse, sondern passte zu ihnen und ihrer Geschichte, weshalb er auch in meiner Rede eine Rolle spielte.


Meine Braut war eine von den ganz Gewissenhaften, die lieber noch einmal nachfragen, bevor irgendwas vergessen wird oder hinterher jemand sagt, davon hätte er nichts gewusst. Sie wollte nichts falsch machen und möglichst wenig dem Zufall überlassen, also meldete sie sich in der Hochzeitswoche noch einmal im Kloster, um die letzten Details abzuklären. Auch der zuständige Geistliche sollte daran denken, dass am Samstag im Garten eine freie Trauung stattfinden würde und es entsprechend etwas trubeliger werden könnte. Eigentlich eine nette und rücksichtsvolle Sache, sollte man meinen, aber genau diese Rückfrage brachte etwas ins Rollen, womit keiner von uns gerechnet hatte.


Dann fiel mein Name und plötzlich ging es nicht mehr


Wie meine Braut mir später erzählte, kam im Gespräch die Frage auf, welcher Geistliche die Trauung halten würde. Sie erklärte, dass kein Prister komme, sondern eine freie Traurednerin, und nannte meinen Namen. Zunächst schien noch alles zu passen, wir sollten lediglich auf die Beete achten und nichts beschädigen. Völlig verständlich, schließlich wollten wir heiraten und nicht mit der Hochzeitsgesellschaft den Kräutergarten umpflügen.


Dann kam allerdings ein weiterer Anruf. Nach ihrer Schilderung hatte der Geistliche mich inzwischen gegoogelt und war entrüstet, weil ich nicht nur keine Pastorin bin, sondern auch schwule und lesbische Paare traue. Das war die Begründung, die meine Braut mir weitergab, und ich dachte wirklich, ernsthaft jetzt? Dieses Brautpaar sollte seine geplante Trauung nicht mit mir feiern dürfen, weil ich auch Menschen traue, deren Liebe diesem Herrn offenbar nicht ins Weltbild passt?


Ja, ich traue gleichgeschlechtliche Paare, und zwar gerne. Wenn zwei Menschen sich lieben und ihr Leben miteinander verbringen möchten, freue ich mich darüber und begleite sie genauso wie jedes andere Brautpaar. Dafür werde ich mich ganz sicher nicht rechtfertigen. Nach Aussage meiner Braut durfte ich das Gelände nun aber für die Durchführung der Trauung nicht betreten, womit unser geplanter Platz im Kräutergarten wenige Tage vor der Hochzeit vom Tisch war.


Ich habe dieses Gespräch nicht selbst geführt, sondern erzähle hier, was meine Braut mir damals berichtet hat. Ihren Anruf habe ich allerdings selbst erlebt und die Frau war am Boden zerstört. Sie hatte alles sorgfältig vorbereitet, wollte alles richtig machen und stand nun am Dienstag vor ihrer Hochzeit ohne den Ort da, an dem sie am Samstag heiraten sollte. Aus einem letzten Abstimmungsgespräch war plötzlich ein Problem geworden, das mit den beiden und ihrer Liebe überhaupt nichts zu tun hatte.


Plan B hieß bei mir Bauer


Mit dem zuständigen Gegner habe ich übrigens im Anschluss gar nicht erst gesprochen, weil mir das ehrlich gesagt zu doof war. Ich wollte meine Zeit lieber dafür nutzen, einen neuen Platz zu finden, als darüber zu diskutieren, ob ich nun geeignet bin, zwei Menschen zu trauen. Meine Braut brauchte eine Lösung und keine Nicky, die sich am Telefon erst einmal ausgiebig aufregt, also sagte ich ihr, dass ich mich kümmere. Wobei ich ehrlicherweise sagen muss, das aufregen deutlich mehr zu meinem Naturell gepasst hätte.


Ich kenne zum Glück viele Leute, habe meine Connections und gebe ungern schnell auf. Also fuhr ich nach Heiligkreuztal und fragte mich vor Ort durch, wem die Felder und Wiesen rund um das Kloster gehören und ob jemand ein schönes Plätzchen hätte, das wir für unsere Trauung nutzen könnten. Irgendwem musste das alles schließlich gehören, und vielleicht war darunter jemand, der uns helfen wollte. Tatsächlich fand ich ziemlich schnell Menschen, die genau das wollten. Einer davon war ein Bauer mit einem schönen Platz ganz in der Nähe des Klosters, der uns seine Wiese zur Verfügung stellte, sie rechtzeitig zum Wochenende mähte und am Samstag sogar bei den Vorbereitungen half. Statt Bänken gab es Strohballen und dazu frische Sonnenblumen von seinen Feldern welche dann durch die ebenfalls bereits gebuchte Floristin wunderschön ins Scene gebracht wurden. Das Ganze bekam einen Charme, den wir so überhaupt nicht geplant hatten.


Dieser Mann kannte uns vorher nicht und hatte mit unserem Problem eigentlich gar nichts zu tun, trotzdem machte er sich die Arbeit und half uns, damit die beiden ihre freie Trauung feiern konnten. Genau das nenne ich Nächstenliebe, ganz ohne Kanzel und ohne große Worte darüber. Dass wir sie ausgerechnet außerhalb der Klostermauern fanden, fand ich damals schon ziemlich bezeichnend.


Am Samstag wurde geheiratet, nur eben anders


Natürlich musste ich noch einmal umdenken, denn meine neun Seiten Rede waren auf einen Kräutergarten abgestimmt gewesen, in dem wir nun nicht stehen würden. Mein Brautpaar war aber immer noch dasselbe, ihre Geschichte hatte sich nicht verändert und ihre Verbindung zu Kräutern, zum Kochen und zu alten Traditionen war ja nicht plötzlich weg. Also passte ich die Rede an und machte

aus diesem neuen Ort etwas, das zu den beiden passte.


Am Samstag fand ihre freie Trauung statt, zwischen Strohballen und Sonnenblumen, mit richtig viel Flair und einer Geschichte im Hintergrund, die sich vorher keiner von uns hätte ausdenken können. Es wurde wunderschön und vielleicht gerade deshalb so besonders, weil Menschen geholfen hatten, die das überhaupt nicht hätten tun müssen. Aus dem Schock am Dienstag war am Ende eine Trauung geworden, an die ich mich bis heute besonders gerne erinnere.


Das ist übrigens der Teil meines Jobs, den man auf den hübschen Hochzeitsbildern normalerweise nicht sieht. Da sieht man das Brautpaar, die Blumen und die schöne Kulisse, aber nicht den Anruf wenige Tage vorher, die Suche nach einer Alternative und die Menschen, die spontan mit anpacken. Manchmal gehört genau das aber dazu, und dann reicht es eben nicht, dass meine Rede fertig ist. Dann muss ich mich kümmern, umplanen und schauen, wie wir es trotzdem hinbekommen, damit die beiden heiraten, genießen und sich später an ihre Trauung erinnern können, statt nur an das Chaos davor.


Mein Glaube ist geblieben, meine Kirchenmitgliedschaft nicht


freie Trauung auf der Wiese beim Kloster Heiligenkreuztal. Sonnenblumen Deko mit schönen Strohballen.

Diese Geschichte hat mich auch persönlich beschäftigt, denn es war leider nicht das erste Mal, dass ich mit einer solchen Haltung konfrontiert wurde.


Die Engstirnigkeit einzelner Geistlicher und meine Erfahrungen damit haben dazu beigetragen, dass ich letzlich aus der Kirche ausgetreten bin. Ich bin nach wie vor gläubig und habe meinen Glauben an Gott, den lasse ich mir nämlich von niemandem nehmen, aber meine Mitgliedschaft in der Kirche wollte ich unter diesen Umständen nicht weiterführen.


Besonders geärgert hat mich, dass mein Brautpaar wenige Tage vor seiner Hochzeit ausbaden sollte, dass ich auch schwule und lesbische Paare traue. Niemand muss mich buchen oder meine Arbeit mögen, aber uns nach der Schilderung meiner Braut auch deshalb den geplanten Ort zu verwehren, weil gleichgeschlechtliche Paare bei mir willkommen sind, hat für mich mit Nächstenliebe ziemlich wenig zu tun.


Trotzdem ist das hier keine Abrechnung mit allen Christen oder Geistlichen, denn ich durfte auch wunderschöne Trauungen in kirchlichen Räumen erleben, in freien Kirchen und Kapellen und gemeinsam mit Pastoren. Ich habe erfahren, wie offen und herzlich eine solche Zusammenarbeit sein kann, und diese Erfahrungen gehören genauso dazu. Es geht durchaus, wenn Menschen bereit sind, aufeinander zuzugehen und zu akzeptieren, dass nicht jede Liebe und jeder Lebensweg genauso aussieht wie der eigene.


Ich erzähle hier meine persönliche Erfahrung und das, was sie bei mir ausgelöst hat. Wie die Verantwortlichen in Heiligkreuztal heute damit umgehen, weiß ich nicht. Meine eigene Haltung kenne ich allerdings ziemlich gut, und daran hat sich nichts geändert. Ich traue Menschen, die sich lieben, und gleichgeschlechtliche Paare sind bei mir genauso willkommen wie alle anderen.


Was mir von dieser Hochzeit geblieben ist


Wenn ich diese Geschichte heute beim Kennenlernen erzähle, komme ich besonders gerne zu dem Teil mit dem Bauern, seiner Wiese und den Sonnenblumen. Natürlich gehört die Absage dazu, aber viel lieber erinnere ich mich an den Menschen, der uns geholfen hat, und an mein Brautpaar, das am Samstag doch seine freie Trauung feiern konnte.


Diese Geschichte zeigt auch ziemlich gut, wie ich arbeite, denn wenn eine Tür zugeht, gebe ich nicht sofort auf. Zur Not suche ich eben eine Wiese.


Hinter den heiligen Mauern hatte ich damals mehr Nächstenliebe erwartet. Gefunden haben wir sie draußen, zwischen Strohballen und Sonnenblumen, bei einem Bauern, der einfach mit angepackt hat.


Ihr plant eure freie Trauung und möchtet mich kennenlernen? Dann meldet euch gerne bei mir. Die Geschichte mit der Wiese kennt ihr jetzt schon, beim Kennenlernen möchte ich eure hören.


Liebe Grüße Eure Nicky

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